Es war wieder ein Tag, wie er schoener kaum sein konnte. Nahezu wolkenfreier Himmel, knapp 30 Grad und es wehte eine leichte Briese. Bereits am Vortag hatte ich gesagt bekommen, dass ich fuer diesen Morgen einen deutschen Kunden haben wuerde, dem ich einen kleinen Auffrischungskurs verpassen koennte, da er schon eine weile nicht getaucht ist.
Als ordentlicher Arbeitnehmer wollte ich mich auch nicht lumpen lassen und noch schnell vor der Arbeit meine Crew-Shirts aus der Waescherei holen, um spaeter auch einen ordentlichen Auftritt als Tauchlehrer hinzulegen. So schwang ich mich gegen 8 Uhr auf mein Moped, setzte die Sonnenbrille auf und knatterte gemuetlich und mit einem fetten Grinsen im Gesicht die mir wohl bekannte Hauptstrasse entlang.
Alles schien so leicht und leichtgaengig an diesem Tag, wie es schoener kaum sein konnte. Irgendwie liebte ich es im Paradies gesaeumt von Kokospalmen und weissen Straenden zu leben und liess mich selten aus der Ruhe bringen.
So auch nicht als ich wenig spaeter ganz langsam aus einem wunderschoenen Traum aufwachte und eher unterbewusst wahr nahm, dass einige Thai sprechende Menschen um mich herum standen und irgendwas in meinem Gesicht machten. Sie schien es jedoch nicht zu stoeren, dass ich dabei noch ein wenig vor mich hin Traeumte und liess mich daher auch nicht stressen. Da ich mich dennoch ein wenig wunderte, wo ich war und was gerade passierte, versuchte ich mich zu erinnern.
Es musste immer noch Freitag sein und meine letzte Erinnerung fuehrte mich irgendwie wieder auf mein Motorrad, mit dem ich gerade meine frischen Klamotten abholen wollte. Auch meinte ich in meiner Erinnerung, die sich wie ein seichter Traum anfuehlte, eine Kokosnuss gesehen zu haben, allerdings konnte ich beim besten willen nicht zuordnen, was es mit der Nuss auf sich haben sollte.
Da mein verschwommener Traum an dieser Stelle auch wieder endete, versuchte ich mit darauf zu konzentrieren, was gerade um mich rum passierte, ohne dabei die Augen zu oeffnen. Ich meinte gespuert zu haben, wie man mir kurz zuvor mehrere Spritzen in die untere Gesichtshaelfte gab. In jedem Fall schienen die Damen und Herren um mich herum wirklich aufgeregt und beschaeftigt zu sein. Mit meiner Zunge tastete ich durch meinen Mund und stellte dabei einen recht deutlichen Blutgeschmack fest. Ich musste haeufig schlucken, was irgendwie nicht ganz schmerzfrei schien, zudem mein Unterkiefer bei jeder Bewegung knirschte. Auch stellte ich eine grosse Zahnluecke fest, die sich jedoch bis runter in den Knochen zu ziehen schien. Darueber hinaus baumelten auch offensichtlich meine rechten Backenzaehne mehr oder weniger frei im Mund herum. Was ich in den paar Minuten feststellte, schien auf einen echten Alptraum schliessen, jedoch war ich mir nicht ganz sicher, was Realitaet und was Traum(a) war.
„Sooo“, dachte ich, „konzentrier dich“. Entweder war dies ein echt mieser Traum oder mir musste irgendwas schlimmeres passiert sein. Vielleicht ein Motorradunfall? Ich konnte mich beim besten Willen nicht erinnern. So machte ich erstmal mit meiner Bestandsaufnahme weiter.
Kopf – Noch dran, funktioniert auch weitestgehend
Nase/Mund – Irgendwas schien hier wirklich nicht zu stimmen. Aber bis auf eine Luecke und die losen Zaehne schien alles soweit vorhanden.
Schritt – Na Gott sei dank
Beine – Liessen sich ein wenig bewegen, schienen auch da zu sein
Fuesse – Ich glaubte meine Fusszehen zu fuehlen, allerdings schien sich um mich herum ohnehin alles um meinen Kopf zu drehen.
Langsam wollte ich wissen, was passiert war, nahm alle meine Kraft zusammen und saeufzte ein halbwegs klares „What happened“ in
den Raum. Eine Antwort kam recht schnell. Ich wurde offensichtlich beim Motorradfahren von einer herabfallenden Kokosnuss am Kopf getroffen und muesse nun nach Koh Samui ins Krankenhaus. Wow, das klang so daemlich, dass ich erstmal lachen musste. Ich weiss nicht mehr, ob ich es nur gedacht oder tatsaechlich gesagt hatte aber ich konnte mir ein gewisses Mass an Selbstironie nicht verkneifen und lachte in mich hinein, dass so ein scheiss ja wieder mal nur mir passieren konnte. Weiterhin bat ich sie meinen Arbeitgeber zu verstaendigen, da ich ja einen Kurs zu geben hatte und nickte wieder weg. Vielleicht hatte man mir auch einfach einen weiteren Schuss Morphin gegeben, weil ich anfing zu nerven.
Rund 4 Stunden nach meinem Unfall fuhr man mich dann zum Pier, wo ich in Begleitung einer Krankenschwester auf eine der Passagierfaehren nach Koh Samui verfrachtet werden sollte. An der Faehre angekommen musste ich noch eine Weile am Steg Platz nehmen, da sie das vor Blut triefende Schroddi vermutlich nicht unnoetig lange an Bord haben wollten. In einer relativ hellen Minute meines Morphinrausches bemerkte ich wie die Freundin eines Kollegen an mir vorbei lief, mich jedoch nicht erkannte. Warum nicht, sollte ich erst feststellen, wenn ich zwei Tage spaeter in den Spiegel schauen wuerde. Ich versuchte sie anzusprechen, was darin endete, dass ich eher einen stoehnen Laut in ihre Richtung presste, womit ich jedoch Erfolg hatte. Sie schaute mich eine Sekunde lang verdutzt an, hatte dann aber offensichtlich herausgefunden, wer hinter dem demolierten Gesicht steckte und fragte mich ueberrascht, was mir denn passiert sei. Da sprechen in dem Moment nicht meine einfachste Uebung war, nuschelte ich ihr lediglich ein „Fiefer hebrochen“ entgegen, kramte kurz in meiner Hosentasche und hielt ihr den Schluessel meines Mopeds entgegen, welches ich von ihrem Freund gemietet hatte. Sie schaute etwas schockiert, wuenschte mir gute Besserung und ging dann weiter.
Nachdem wir eine gefuehlte Ewigkeit am Pier gewartet hatten, ging es aufs Boot, wo ich mich quer auf eine Sitzreihe legte und sich meine mitreisende Krankenschwester an mein Kopfende setzte. Waehrend der gut zweistuendigen Fahrt doeste ich immer wieder ein, bekam jedoch waehrend meiner Wachphasen die geschockten und angewiederten Blicke der vorbeilaufenden Passagiere zu spueren.
Gute zwei Stunden spaeter erreichten wir endlich den Pier von Koh Samui wo ich dann dank der mir verpassten Drogen wie benommen von Bord torkelte. Da es ein relativ langer Pier war, sollte ich freundlicherweise auf einem pinken Mofa mit ueberdachtem Beiwagen bis zur Strasse gefahren werden, wo der Krankenwagen auf uns wartete. Betaeubt wie ich war, schaffte es natuerlich beim Einsteigen mit dem Kopf an die Metallstange des Dachs zu knallen, was alle lose in meinem Mund befindlichen Zaehne zum Klimpern brachte. So taumelte ich erstmal ein Stueck zurueck, sollte jedoch auch beim Zweiten Einstiegsversuch wieder dagegen laufen. Im dritten Anlauf klappte es nun und wir konnten endlich zum Krankenwagen tuckern, wo sich meine bisherige Krankenschwester verabschiedete…

