Nach kurzer aber rasanter Fahrt kamen wir endlich in der internationalen Klinik an, wo man mich sofort in die Notaufnahme
verfrachtete, an den Tropf haengte, mir diverse andere Injektionen verpasste und mich anschliessend zum MRT schob. Als ich zurueck kam, erklaerte man mir, dass zum Glueck mit meinem Hirn alles in Ordnung sei (was viele meiner Mitmenschen mein Leben lang bestritten hatten) und ich mir lediglich einen offenen, dreifachen Kieferbruch und zwei Schaedelbrueche zugezogen hatte. Das war immerhin die erste gute Nachricht des Tages. Weiterhin wollte man wissen, wo ich ausser an meinem Kopf noch Schmerzen haette. Um ehrlich zu sein hatte ich nach dem Drogencocktail, den man mir den Tag ueber eingefloesst hatte, nirgendwo wirklich Schmerzen gehabt, worueber ich im Grunde genommen heilfroh war. Zu guter letzt gab es noch einen nicht ganz unwichtigen Punkt zu besprechen, welcher mit der Frage begann, ob ich denn eine Krankenversicherung haette. Ich wusste zwar, dass ich eine hatte, konnte mich jedoch in meinem zugedroehnten Zustand nicht annaehernd erinnern wie diese hiess. Mit der Argumentation, dass die OP nicht stattfinden wuerde, solange man nicht eine Kostenuebernahme von meiner Krankenkasse oder sonst jemand haette, der direkt eine Zahlung von rund 13.000 Euro garantieren koennte, fuehlte ich mich
irgendwie genoetigt, doch mal die Krankenkassendetails ausfindig zu machen, da mir auf anhieb eher Leute einfielen, die Geld bezahlen wuerden, dass man mich auf der Strasse verbluten laesst, anstatt meine OP-Kosten zu uebernehmen. So schlug ich vor, dass ich den Kontakt mit meiner Krankenversicherung herstellen wuerde, wenn ich Zugang zum Internet bekommen kann. Man verfrachtete mich also kurzerhand in einen AOK Schopper und rollte mich zu den im Krankenhaus befindlichen Internet Terminals.
Es dauerte nicht lang, bis ich die entsprechenden Daten in meinem E-Mail Account gefunden und an die Abteilung fuer Versicherungsquerelen weitergeleitet hatte. Verschoben, wie ich von den ganzen Schmerzmitteln war, brauchte ich dafuer natuerlich mehrere Versuche. Nach getaner Arbeit brachte man mich zurueck zu meinem Bett, um dort auszuharren bis sich das Krankenhaus mit meiner Versicherung geeinigt hat. So doeste ich weiter meinen angenehmen Drogenschlaf bis ich am spaeten Abend wieder zu mir kam, mich umsah und zwei zugegebenermassen gut aussehende junge Schwestern entdeckte, die mir gerade gut gelaunt mit einem Waschlappen zwischen den Beinen rummachten. Ich hoffte, dass dies eine von der Krankenkasse uebernommene Leistung und nicht die letzte Waschung war. Einen Augenblick spaeter trat mein gut gelaunter Doc in mein Blickfeld und verkuendete mit einem Grinsen, dass die Uebernahmeerklaerung fuer die Operations- und Krankenhauskosten aus Deutschland gekommen seien und sie nun endlich die fuer fuenf Stunden angesetzte Reparaturmassnahmen angehen wuerden. Na immerhin, schliesslich waren seit meinem Unfall bereits 15 Stunden vergangen und meine Knochen hatten mangels chirurgischer Unterstuetzung bereits beschlossen von selbst zusammen zu wachsen.
„Na endlich“ war dann auch mein letzter Gedankengang fuer diesen Tag. Als ich das naechste mal zu mir kam, musste es schon der naechste Morgen gewesen sein und ich schien mich auf einer Art Intensivstation zu befinden. In meinem tranceaehnlichen Zustand vernahm ich lediglich das Piepsen meines Herzens, welches aus einem Geraet an meinem Kopfende schallte. Da ich nach wie vor Schlaeuche in der Nase und gefuehlte 200 Infusionsschlaeuche ueber restlichen Koerper verteilt hatte und nicht wirklich gewillt war, mich zu bewegen, fielen mir die Augen kurze Zeit wieder zu.
Als mein Hirn das naechste mal bewusst anfing die Sinneswahrnehmungen aus meiner Umgebung zu registrieren, stand erneut mein frohlauniger Arzt vor mir und liess mich gut gelaunt wissen, dass er stolz auf das Ergebnis seiner Operation sei. An zwei Stellen hatte man mir meinen Kiefer mit insgesamt 16 Schrauben fixiert und mir darueber hinaus eine Zahnspange verpasst, welche mit Hilfe von Gummis Ober- und Unterkiefer fuer die naechsten 2 Wochen zusammen halten wuerden. Er musste das Entsetzen in meinen Augen gesehen haben, grinste von einem Ohr zum anderen und bemerkte lachend, dass ich die naechsten Wochen sicherlich gut 10 Kilo abnehmen wuerde.
Die Kolleginnen von Kate Moss haetten sich ueber diese Information vermutlich ein Loch in den Bauch gefreut, ich konnte dem jedoch nicht wirklich etwas Gutes abgewinnen. Immerhin schien meine OP glatt gelaufen zu sein und ich musste jetzt nur noch meine Knochen wachsen lassen. Wenig spaeter verfrachtete man mich in mein neues Zuhause fuer die kommende Zeit, wo weiterhin tat, was ich am besten konnte – schlafen.
Als mein Medikamentenrausch dann langsam abebbte, begann ich langsam mein neues Zuhause in Augenschein zu nehmen. Binnen kuerzester Zeit kam ich zu dem Schluss, dass mein geraeumiges Einzelzimmer mit Klimaanlage, Flachbildschirm, Balkon, Kueche und Bad die vermutlich luxurioeseste Unterkunft war, in der ich mich seit langem befunden hatte. Nichtmal Kakerlaken schien es hier zu geben. Ich war wirklich beeindruckt und unter anderen Umstaenden haette ich mich wohl sogar darueber gefreut.
Gerade wollte ich mal eine Bestandsaufnahme von den Koerperteilen machen, die noch intakt waren, als eine Krankenschwester im eng geschnittenen rosa-blauen Minikleid mein Zimmer betrat, um meine Vitalfunktionen zu checken. So nahm sie Blutdruck und Temperatur. Entsetzt stellte sie fest, dass ich erhoehte Temperatur hatte. Dieses Entsetzen konnte ich irgendwie so gar nicht teilen, schliesslich hatte ich wirklich andere Problemzonen. Kurze Zeit spaeter war ich wieder alleine, klappte die Decke zurueck und warf mal einen Blick meinem Koerper entlang:
Linke Seite:
Linke Schulter: Schuerfwunde, aber beweglich
Linker Arm: Pflaster, keine Bewegungseinschraenkungen
Linke Hand: Verband, Schwellung und verdaechtig haengender kleiner Finger
Bauch: Leer
Linkes Knie: Grossflaechig verbunden, Schuerfwunde?
Linker Fuss: Verband am grossen Zeh, andere Zehen seltsam geschwollen
Rechte Seite:
Rechte Hand: Kleines Pflaster
Becken: Etwas groesser verpflastert
Alles in allem schien ich gar nicht so schlecht weggekommen zu sein, wenn man bedenkt, was mit meinem Kopf passiert ist. Lediglich meine linke Hand und meine Fusszehen sahen verdaechtig nach Bruechen aus, was ich mal mit dem Arzt besprechen wollte.
Nach der Inspektion tat ich das, was ich derzeit wohl am besten konnte und schloss erstmal wieder die Augen. Einige Zeit spaeter schreckte ich hoch, als mein Telefon klingelte. Ich angelte mir den hoerer und stoehnte irgendwie in den Hoerer, da sprechen gerade nicht meine einfachste Uebung war. Irgendwie war mein Hirn zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht wirklich in der Lage zu registrieren, was aus dem Hoerer an mein Ohr drang und ich legte verwirrt wieder auf und schlief weiter bis erneut eine Schwester an mein Bett trat, Blutdruck und Temperatur checkte und mich ueberraschenderweise fragte, ob ich denn schon Stuhlgang hatte. Ich schuettelte den Kopf, machte mir nichts aus der Frage und schlief weiter.
Dieses Blutdruck-Temperatur-Stuhlgang-Spielchen sollte sich von nun an alle paar Stunden wiederholen. Und ging mir binnen eines Tages schon gehoerig auf den Zeiger. Da ich letzteres auch am naechsten Tag noch verneinte, sagte man mir mit strenger Miene, dass man etwas nachhelfen wuerde, wenn sich das nicht bald gibt. Wo nix rein kommt, geht auch nix raus. In meinen Augen eine ganz simple Logik, die sich meinen Aerzten wohl entzog. Um mir diverse Einlaeufe (vermutlich mit Thai curry) die naechsten Tage zu ersparen, fuehlte ich mich von nun an eben zu kleinen Notluegen hingezogen.
Mein naechstes Projekt sollte ein Blick in den Spiegel werden. So schleppte ich mich vorsichtig ins Bad und erschrak heftigst vor dem verformten Zombi, der mich aus dem Spiegel anstarrte. Dass ich vor Schreck nicht rueckwaerts umgefallen bin und mich versehentlich mit dem Duschvorhang erdrosselt hab, grenzte in diesem Moment an ein Wunder.
Ich betrachtete also einen ein grotten haesslicher Kerl mit einem Kopf in Birnenform, schlimmstens deformierten Lippen mit Naehten, tiefdunklen Veilchen unter den Augen und auch sonst keinen Gesichtszuegen, die mich irgendwie an mein Anglitz erinnern liessen. Geschockt liess ich mich wieder in mein Bett fallen und hoffte instaendig, dass sich das irgendwann wieder gibt. Anderenfalls wuerde mein naechster Arbeitgeber wohl Schausteller einer Geisterbahn sein.
Wenig spaeter kam mich mein Arzt besuchen. Ich liess ihn wissen, dass es mir den Umstaenden entsprechend gut ging, ich jedoch den Verdacht hatte, dass meine Nase, meine Mittelhand, sowie wenigstens einer meiner Fusszehen gebrochen seien. Als ich ihm die anschliessende Frage nach Schmerzen in diesen Koerperregionen verneinte, beschwichtigte er mit seinem typischen Grinsen und meinte, dass dann wohl alles in Ordnung sei.
Im Grunde genommen hatte ich seit meinem Unfall noch ueberhaupt keine wirklichen Schmerzen, jedoch war mein Geisteszustand noch nicht zu einer Argumentation in der Lage. Die Zeit ging also ins Land, geduldig liess ich die regelmaessige Blutdruck-Temperatur-Stuhlgangprozedur ueber mich ergehen, war nicht mehr ganz so schlaefrig wie die letzten Tage und begann mich irgendwie zu langweilen. Richtig, ich hatte ja einen grossen Flachbildfernseher an der Wand haengen. Nachdem ich mir die Fernbedienung geangelt hatte, wollte ich mal sehen, was das Ding so zu bieten hatte. Die Ausbeute war relativ nuechtern und ich begnuegte mich mit Kochsendungen, dem Hundefluesterer und diversem anderen Schund, mit dem sich die Zeit totschlage liess.
Als dann am naechsten Tag mein Arzt wieder auftauchte, wollte ich einen zweiten Versuch unternehmen, meine Vermutungen weiterer Brueche an den Mann zu bringen. Die Nase vergass ich total, zeigte ihm jedoch meine Hand und fuehrte ihm vor, wie ich einen meiner Fusszehen auf halber Hoehe einfach so gut 90 Grad zur Seite weg biegen (versuchts mal selbst, wird nicht funktionieren) konnte. Das schien ihn dann auch beeindruckt zu haben und er schlug vor, eine Roentgenkontrolle zu machen. So holte man mich wenig spaeter mit einem Rollstuhl ab und schob mich in die Roentgenabteilung.
Bei dem nachfolgenden Gespraech mit einer anderen Chirurgin bekam ich dann gesagt, was ich vermutet hatte. Mein Mittelhandknochen 5 sei durch und verschoben, was operativ gerichtet werden muesse. Ausserdem sei einer meiner Zehen ebenfalls gebrochen, jedoch koenne man da nichts anderes machen als ihn zu bandagieren. Ungluecklicherweise konnte man mir aufgrund meines verschlossenen Munds bei der OP, welche noch am gleichen Tag stattfinden sollte, keine Vollnarkose geben und muesse dies ueber eine lokale Betaeubung erledigen. Bereits vor einigen Jahren hatte ich eine aehnliche Operation und wusste in etwa, was auf mich zukommen wuerde, jedoch wich die Thaimethode leicht von der in Deutschland ab.
Anstatt mit einer Elektrode durch die Achsel mittels elektrischen Stoessen den zu betaeubenden Nerv zu finden, wollte man mir die Nadel von oben in die Schulter stechen, um von dort an den Nerv zu kommen. Leider bestuende dort ein gewisses Risiko, dass man mit der Nadel ein Loch in meine Lunge stossen koennte. Ich sollte halt bescheid geben, wenn ich Atemprobleme bekommen wuerde.
Wie man sich vorstellen kann, machte ich bei dieser Info glatt Freudenspruenge und konnte die OP kaum erwarten. Wenn man mir ein Loch in die Lunge stoesst, koennte man mir ja vielleicht wenigstens etwas Zigarettenrauch reinpumpen.
Einige Stunden spaeter lag ich also mal wieder auf dem OP-Tisch. Waehrend man mich bereits mit Tuechern zudeckte, bekam ich also meine Nadel in die Schulter. Ich versuchte so ruhig wie moeglich zu liegen und ausgesprochen flach zu atmen, als ploetzlich ein heftiger Stromschlag durch meinen ganzen Koerper fuhr. Scheinbar hatten sie die Nadel mit einer unter dem Tisch stehenden Autobatterie verbunden. Immerhin hatten sie den Nerv getroffen und wenig spaeter verlor ich langsam das Gefuehl in meinem Arm. Da ich bei vollem Bewusstsein war, hoerte ich das OP-Besteck klimpern und konnte ungluecklicherweise auch ueber die Spiegelung eines ausgeschalteten Monitors an meinem Kopfende sehen, was dort vor sich ging. In solchen Sachen hab ich ja echt ein Roeckchen an und bevorzuge mir eine gute Zeit auf den Drogen der pharmazeutik Industrie zu machen, als mir anzusehen, wie man meine Knochen mit einem Bohrer maltretierte. So fragte ich nach etwas Leck-mich-am-Arsch-Zeugs und bekam kurze Zeit spaeter ohne grosse Diskussion etwas gespritzt, was mich in einen suessen Schlaf abgleiten liess. Als ich einig Zeit spaeter wieder zu mir kam, beobachtete ich amuesiert auf dem vorher noch ausgeschalteten Monitor, wie sich meine Hand gespickt mit Metallsplinten auf dem Echtzeit-Roentgenbild bewegte.
Nach einem weiteren Nickerchen wachte ich in meinem Zimmer wieder auf und begutachtete zufrieden meine bandagierten Zehen, sowie meine eingegipste Hand. Eigentlich wollte mich mein Doc bereits am kommenden Tag entlassen, jedoch fuehlte ich mich irgendwie wohl im Krankenhaus, hatte mich langsam an die Prozedur der taeglichen Verbandswechsel gewoehnt und mich mittlerweile auch mit dem etwas gewoehnungsbeduerftigen Fernsehprogramm angefreundet.
Solange also jemand mein klimatisiertes Einzelzimmer zahlte, wollte ich mir diesen Luxus eben goennen. So gingen die Stunden und Tage ins Land, versuesst mit Cesar Milan, dem Hundefluesterer im Tv und netten Krankenschwestern im asiatischen Kleinformat, die mehrmals taeglich Blutdruck und Temperatur nahmen. Mit der Zeit gab es jedoch nicht mehr sonderlich viel Neues zu entdecken und die anfaengliche Gemuetlichkeit ging langsam in Langeweile ueber. Es war Tag 7 und an der Zeit fuer mich meine Luxusherberge wieder gegen mein popeliges Zimmer auf Koh Tao einzutauschen.
Alles, was ich bei mir hatte, waren jedoch mein Zimmerschluessel, umgerechnet 2 Euro und ein Feuerzeug. Die 60 km zurueck nach Koh Tao stand ausser Frage, da ich ja einen Gipsarm hatte. Gluecklicherweise hatten gute Freunde (Tausend Dank an dieser Stelle!!!) bereits die Faehre, sowie einen Abholservice am Krankenhaus organisiert und wollten mich am Pier auf Koh Tao empfangen.
Ungluecklicherweise hatte ich keine weiteren Kleider als meine blutgetraenkten vormals weissen Klamotten, in die ich mich zwangslaeufig fuer die Heimreise zwaengen musste. Wie ein Kneipenbesucher nach einer Meinungsverschiedenheit mit Mike Tyson, sass ich dann geschunden und vollgeblutet auf der Faehre und freute mich bald endlich wieder in den mir vertrauten Gefilden aufschlagen zu koennen.
Am Pier angekommen wurde ich herzlich von Marcel und Dudu, welche mir ein Koerbchen mit einem Wasserkocher, Strohhaelmen Fertigsuppen und Bruehwuerfeln mitgebracht hatten, empfangen. Von dort nahmen wir uns ein Taxi, wessen Besitzer 100 Baht pro Person haben wollte. Da man mich kaum noch als ganze Person zaehlen konnte, einigten wir uns auf 250 Maeuse. Waehrend der Fahrt unterhielt ich mich mit dem Fahrer ueber meinen Unfall und er erzaehlte mir stolz, dass ihm waehrend der Fahrt kuerzlich erst zwei Kokosnuesse aufs Autodach gefallen waren und er riesiges Glueck hatte, dass nicht seine Windschutzscheibe getroffen wurde. (Memo an mich selbst, mein naechster Roller bekommt ein Dach angeschweisst. Wenig spaeter zuhause angekommen liessen wir uns erstmal auf meinem Balkon nieder und genossen den Ausblick auf die angrenzende Kokosnussplantage. Endlich wieder zu Hause…




