Obwohl ich mich an mein luxurioeses Krankenhauszimmer laengerfristig haette gewoehnen koennen, freute ich mich irgendwie, mich in meinen heimischen Gefilden zu befinden. Zugegebenermassen fehlten mir Flachbildfernseher, Klimaanlage und die suessen Krankenschwestern ein wenig, jedoch hatte ich stattdessen den Luxus von meinen Freunden im Umfeld und natuerlich Zigaretten wieder erlangt. Zu grossen Teilen in Verbaenden eingewickelt, waren meine Freizeitaktivitaeten leider etwas eingeschraenkt, jedoch versuchte ich das Beste daraus zu machen. Da ich zu Fuss nicht wirklich gut unterwegs war, hatte ich binnen Marcels Hilfe schon am Tag 2 nach meiner Rueckkehr mein Moped wieder zur Verfuegung, welches im Verhaeltnis zu mir erstaunlich wenig Schaden davon getragen hatte. Zumindest keinen Schaden, der die Fahrtuechtigkeit einschraenkte. Zwar klappperte beim Fahren mein loses Gebiss etwas, jedoch ging das im Scheppern saemtlicher loser Teile am Moped geradezu unter.

So galt einer meiner ersten Abstecher meiner Tauchschule, wo ich binnen der letzten Woche dank meines Unfalls traurige Prominenz erlangt hatte. Viele, die mich vorher hoechstens vom Sehen kannten, kamen dann auf mich zu: „Ach du bist Schroddi, tut mir wirklich leid, was dir passiert ist“. Selbst fuer die Leute, zu denen mein Namen nicht durchgedrungen war, war ich nun immerhin „der Typ mit dem Kokosnuss schaden“. Die meisten Leute waren fasziniert, wie ich trotz meiner Verletzungen so gut drauf sein konnte, Scherze machte und in der Lage war, zu lachen ohne dabei einen Gesichtsmuskel zu bewegen. Alternativ haette ich mich natuerlich im Keller einschliessen und mir die Augen ausheulen koennen. So sehr ich Salzwasser in meinem Gesicht vermisste, war das jedoch irgendwie keine vernuenftige Option fuer mich.

Essen stellte sich als etwas komplizierter heraus. In meinen Koerper schaffte nur, was klein genug war, durch einen Strohhalm und anschliessend noch durch eine Zahnluecke zu passen. Im Nachhinein war meine Entscheidung in jungen Jahren vehement eine Zahnspange zu verweigern goldrichtig, weil ich in diesen Tagen sonst ohne Zahnluecke wohl verhungert waere. Dennoch gestaltete sich meine Nahrungsaufnahme recht schwierig. Anfangs versuchte ich mein Glueck mit Instant Nudelsuppen. Dummerweise verstopften die Nudeln permanent alle Schlupfloecher in meinen Mund und wenn ich mit Muehe und Not die Bruehe weggesaugt hatte, sass ich vor einem Pott Nudeln, den ich nicht essen konnte und haette heulen koennen. So beschraenkte ich meine Ernaehrung anschliessend auf Bruehewuerfel, Kakao und Trinkjoghurt und war erstaunt, wie schnell sich ein Koerper tatsaechlich an Fluessignahrung gewoehnen konnte.

Weiterhin wollte ich dann unser beinahe traditionell gemeinsames Mittagessen nicht mehr sausen lassen und begnuegte mich damit, den anderen beim Essen zuzusehen, waehrend ich meinen Kokosnuss Shake schluerfte. Meine Vergeltung an den verdammten Kokosnuessen endete in meinem taeglichen Koksnuss Shake, den ich die Rache der Untoten nannte. Da ich zu sonst nicht sonderlich viel in der Lage war, beschraenkte sich meine weitere Freizeitbeschaeftigung hauptsaechlich darin, am Computer rum zu daddeln. Da ich damit rechnete, dass ich wohl die naechsten Wochen und Monate etwas mehr Zeit vor der Kiste verbringen wuerde, installierte ich mir ein Spiel, um mir etwas die Zeit zu Vertreiben. Ungluecklicherweise war mein Laptop damit absolut nicht einverstanden und schaltete sich gut eine Woche, nachdem ich aus dem Krankenhaus zurueck war, ein letztes mal aus und machte keine weiteren Anstalten sich wieder einschalten zu lassen. Offensichtlich hatte sich mein Mainboard verabschiedet, was so ziemlich der GAU fuer jeden Laptop ist.

So sass ich nun wieder da und ueberlegte, was mir nun fuer Hobbies zur Auswahl blieben. Da die Nachfrage nach Socken oder Pullovern in Thailand verschwindend gering ist, fiel Stricken als Option schon mal weg. Gluecklicherweise finden sich auf Koh Tao eine Masse an Geschaeften, welche mit gebrauchten Buechern handeln. Es war zwar schmerzlich preisreduzierte Mangelexemplare gebraucht in ordentlich abgegriffenen Zustand fuer teilweise mehr als den Originalpreis zu erstehen, doch eine Wahl hatte ich nicht wirklich. Auch stellten sich die Shopbesitzer bei Preisverhandlungen etwa so flexibel wie eine Kokosnussschale dar und eine Nachfrage nach Treuepunkten oder Mengenrabatt wurde mit laechelndem Kopfschuetteln erwiedert. So musste ich also in den sauren Apfel beissen (wenigstens etwas, in das ich beissen konnte) und ruinierte mich mit dem Kauf von Buechern.

Es ist ja nicht so, als dass ich mal das eine oder andere Buch gelesen haette, nein. Ausser meinem angenehmen Schlaf auf Antibiotika und Schmerzmitteln, den ich an bis zu 16 Stunden am Tag genoss, beschraenkte sich mein Lebensinhalt fuer eine ganze Weile weitestgehend auf aneinandergereihte Buchstaben, taeglichen Verbandswechsel und Kokosnuss Shakes.

Nach gut 2 Wochen bekam ich im Krankenhaus endlich die Gummis entfernt, welche meine beiden Gebisshaelften zusammen hielten. Dies sollte der Startschuss fuer mehr als nur meine taegliche Saeuglingsnahrung sein. Immerhin war ich nun in der Lage meinen Mund wieder so weit zu oeffnen, dass eine Gabel mit einigen Reiskoernern reinpasste. Kauen konnte ich zwar noch nicht, aber nach fast 3 Wochen der Fluessignahrung war mir das egal und ich schluckte unzerkaut, was auch immer ich in mich reinschaufeln konnte. Ungluecklicherweise war mein Magen nach so langer Zeit der Abstinenz nicht ganz so erfreut ueber feste und zu allem ueberfluss unzerkaute Nahrung, dass er mir kurzerhand alles wieder durch den Kopf gehen liess und ich die Nase von fester Nahrung erstmal ganz schnell wieder voll hatte und auf Joghurt und Kakao umstieg.

Die naechsten Wochen mauserte ich mich dann also zu einer bandagierten Leseratte und verdrueckte taeglich etwa ein Buch. Meine persoenliche Bestleistung legte ich sogar mit gut 750 gelesenen Seiten an einem Tag hin. Das Spiel trieb ich dann fuer 5 Wochen, in denen ich knapp 30 Buecher gelesen habe. Wer also einen Buchtipp braucht, feel free to ask 🙂

Mit der Zeit wurden meine Verbaende weniger, meine Bewegungen etwas fluessiger und als mich dann rund 7 Wochen nach meinem Unfall meine Schwester mit ihrem Freund besuchte, sollte ich immerhin wieder weitestgehend in der Lage sein, am aktiven Leben teilzunehmen und eine schoene Zeit zu haben.

Bis dahin sollte es aber ein langer und schmerzhafter Weg werden, wie ihr in den naechsten Artikeln lesen koennt…